Foto: Picture Alliance / Jan Haas

Para Judoka Nikolai Kornhaß gewann 2016 in der Klasse der Sehbehinderten paralympisches Bronze, 2018 wurde er Europameister und WM-Dritter. Heute hat er eine Projektstelle in der Laufbahnberatung des Olympiastützpunkts Metropolregion Rhein-Neckar. In einem Gast-Beitrag berichtet der heute 33-Jährige davon, welche Rolle in seiner Karriere die Unterstützung der Stiftung OlympiaNachwuchs Baden-Württemberg spielte – und wieso seine Freude am Sport am größten war, als niemand mehr mit ihm rechnete.

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn ich Ihnen eine Botschaft mitgeben möchte, dann wie viel Energie selbstgesetzte Ziele freisetzen können. Am meisten Spaß hatte ich beim Para Judo, als niemand an meine Qualifikation für die Paralympischen Spiele 2024 glaubte – ich aber unbedingt nach Paris wollte. Dabei hatte ich bis zu meinem Abitur nie vor, Leistungssport zu betreiben.

Schon als Kind hatte ich viel Freude an Bewegung und habe jeden Tag Sport getrieben. In meinen Heimatvereinen in Gundelfingen hatte ich das Glück, durch eine Mitgliedschaft jeden Sport ausüben zu können. So war ich zeitweise in der Leichtathletik, bin Trampolin gesprungen und sogar mal Radrennen gefahren. Hauptsächlich habe ich Fußball gespielt und parallel dazu mit zehn Jahren auch mit Judo angefangen. Zunächst nur einmal pro Woche, doch je älter ich wurde, desto besser wurde ich im Judo. Also trainierte ich häufiger, um auch mal Kämpfe oder sogar ganze Turniere zu gewinnen. Der Spaß stand für mich dabei im Vordergrund, an Leistungssport dachte ich nicht und von Para Judo hatte ich noch nicht einmal gehört. Erst mit 18 Jahren bestritt ich meine ersten Para-Judo-Kämpfe. Da ich viel Wettkampferfahrung aus dem sehenden Sport mitbrachte, war schnell klar, dass ich Potenzial für internationale Erfolge hatte. Zwar fehlte mir gezieltes Krafttraining, dafür waren mein sportliches Gespür und meine Ausdauer mein Trumpf auf der Matte. Das war der Wendepunkt: Jetzt wollte ich mich voll auf Judo fokussieren.

Nach meinem Abitur und einem Freiwilligen Sozialen Jahr habe ich mein Leben daher auf den Sport ausgerichtet. Ich bin nach Heidelberg gezogen, um bei den Bundestrainern Carmen Bruckmann und Stefan Saueressig in einem inklusiven Team zu trainieren. Mein Studium der Sonderpädagogik war dabei eher Nebensache. Damals erhielt ich auch die Förderung der Stiftung OlympiaNachwuchs Baden-Württemberg. Es war für mich sehr besonders, bereits zu diesem frühen Zeitpunkt in meiner Sportkarriere finanzielle Unterstützung zu erhalten. Gleichzeitig war das für mich auch eine Entlastung bei den Ausgaben des Leistungssports. Ich habe die Förderung der Stiftung daher als große Wertschätzung und Anerkennung meiner Leistung erlebt. Denn in diesen Jahren war für mich schon die Teilnahme an einem internationalen Wettkampf ein Erfolg.

Die Paralympischen Spiele 2016 haben diese Erfahrung ein Stück weit relativiert. Mich hatte niemand auf dem Zettel, aber ich wusste, dass ich eine Medaille erringen kann. Das habe ich auch geschafft und danach verstanden, warum die vier Jahre zuvor alles auf diese Spiele ausgerichtet war. Meine Motivation für die Jahre bis Tokio hatte sich verändert. Ich wurde Europameister, errang den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft und gewann die IBSA World Games. Als Weltranglisten-Erster ging es plötzlich darum, diese Position für die beste Ausgangslage in Tokio zu halten. Bei diesen Spielen war ich auf meinem sportlichen Höhepunkt, fühlte mich so gut wie nie zuvor – und verletzte mich im ersten Kampf. Doch Tokio war für mich trotz des Ausscheidens ein Highlight, denn die Atmosphäre im Geburtsland des Judo war unvergleichlich.

Danach fokussierte ich mich darauf, mein Studium zu beenden, machte mein Referendariat und wurde Vater. Nach einiger Zeit packte mich allerdings doch der Ehrgeiz, an den Spielen in Paris teilzunehmen. Ungeachtet der Dreifachbelastung hatte ich richtig Lust auf Para Judo, denn wie zu Beginn der Karriere ging es in jedem Kampf um alles oder nichts. So schaffte ich trotz äußerer Zweifel die Qualifikation und errang den neunten Platz.

In meiner Tätigkeit am Olympiastützpunkt versuche ich, die Bedeutung dieser inneren Motivation weiterzugeben. Seit Anfang 2025 berate ich Sportler des Landeskaders zur Vereinbarkeit von Schule und Sport. Über diese Position bin ich sehr glücklich, da die jungen Menschen von meiner Erfahrung profitieren können. Ich denke, dass meine Geschichte zwei Dinge zeigt: Zum einen kann man auch spät mit einer bestimmten Sportart starten und es trotzdem in den Leistungssport schaffen. Eine breite Grundlagenausbildung sollten wir als Vorteil und nicht als Versäumnis sehen. Zum anderen kommt es auf die eigene Motivation an, ob ich ein bestimmtes Ergebnis erreiche und als Erfolg werte. Denn unterm Strich zählt vor allem der Spaß am Sport.

Ihr
Nikolai Kornhaß

Dieser Beitrag ist zuerst im Magazin „Sport in BW“, Ausgabe 05/2026 erschienen.