
Foto: envato / zamrznutitonovi
Die Gestaltung von nachhaltigen Rahmenbedingungen für den Leistungssport zählt zu den zentralen Prämissen der Sportförderung im LSVBW – insbesondere hinsichtlich der Begleitung von Heranwachsenden auf ihrem Weg in die Spitze. LSVBW-Wissenschaftskoordinator Prof. Dr. Stefan Grau fasst aktuelle Forschungsergebnisse des internationalen Projekts STEPS zusammen.
Die Entwicklung junger Athletinnen und Athleten* ist ein komplexer Prozess, der von vielfältigen physiologischen, psychologischen und sozialen Faktoren beeinflusst wird. Sportverbände stehen in der Pflicht, die Qualität von Nachwuchsleistungssportprogrammen zu sichern, Athleten – insbesondere Minderjährige – zu schützen und nachhaltigere Entwicklungsumwelten zu schaffen. Hierfür ist es unabdingbar zu wissen, welche Erkenntnisse über Hindernisse und über Förderfaktoren für die (Leistungs-)Entwicklung, Gesundheit und das Wohlbefinden von Nachwuchsathleten erforscht sind. Nur auf dieser Basis können Schlüsselindikatoren abgeleitet werden, wie Nachwuchsleistungssport nachhaltig gestaltet werden kann. Diesen Zielen ist das Projekt STEPS nachgegangen.
Insgesamt konnten elf Schlüsselindikatoren für eine nachhaltige Entwicklung des Nachwuchsleistungssports aus der bestehenden Literatur abgeleitet werden, die die Gesundheit von Athleten, ihre (Leistungs-)Entwicklung sowie ihr Entwicklungsumfeld betreffen.
Ebene der Athleten
Drei Schlüsselindikatoren ergaben sich auf der Athletenebene. Erstens: die Vorbereitung von Athleten auf körperliche und psychosoziale Anforderungen. Dazu zählen neben vielfältiger Sporterfahrung und schrittweiser Spezialisierung auch psycho-soziale Fähigkeiten (z. B. Zielstrebigkeit, positive Einstellung, Prioritäten setzen) sowie Resilienz im Umgang mit Stress, Verletzungen oder Rückschlägen. Zweitens: Der Gesundheitszustand und die Lebensgewohnheiten von Athleten (z.B. ausreichend Schlaf & ausreichende und richtige Energiezufuhr) erwies sich als zentral. Drittens spielen außergewöhnliche und ausgewogene sportliche Fähigkeiten sowie eine ausgewogene Athletenidentität eine Rolle.
Umfeld
Ebenfalls drei Schlüsselindikatoren für eine nachhaltige Entwicklung im Nachwuchsleistungssport konnten für das Umfeld der Athleten abgeleitet werden. Erstens: die Trainingsphilosophie, Kompetenzen von Trainerinnen und Trainern* & Trainingssteuerung. Förderlich erwiesen sich ein hochwertiges Training zur Förderung der Leistungsentwicklung (z. B. individuelles und altersgerechtes Training; Monitoring der Trainingsentwicklung; abwechslungsreiches Training, auch in anderen Sportarten), ein ganzheitlicher Zugang zur Talentidentifikation und -entwicklung (z. B. individuelle Bewertung von Tests und Fähigkeiten; Unterstützung dualer Karriere), sowie Fähigkeiten und Qualifikation des Trainers zur strategischen und ganzheitlichen Entwicklung von Athleten (z.B. Aufbau von Vertrauen und positive soziale Normen; Strategien zur Gewährleistung von physischer und psychischer Sicherheit; Unterstützung der Integration von Athleten in Familie & Schule; Offenheit der Trainer für holistische Entwicklung). Zweitens, sind hinsichtlich der Beziehung von Sportlerinnen und Sportlern* zu zentralen Bezugspersonen die Unterstützung der Familie bzw. Eltern sowie Vorbilder, Peer Kontakt und Erfahrungsaustausch mit älteren Athleten hilfreich. Drittens, ist das Wissen von und die Kommunikation mit Fachunterstützungspersonal (z.B. Trainer, pädagogische Mitarbeiter, Familie, Freunde) wichtig; es sollte qualifiziert sein, unterstützen, sich um die Athleten kümmern und miteinander kommunizieren.
Organisation des Sports
Drei Schlüsselindikatoren wurden für die Organisation des Sports ermittelt. Erstens, Förderkonzepte und organisationale Förderprogramme für Athleten. Diese Förderkonzepte sollten athletenzentriert, langfristig und ganzheitlich ausgelegt sein und Athleten und Trainer in die Karriereplanung und -entwicklung einbinden. Dabei spielen auch Karriereentwicklungspläne und die Koordination von Sport und Schule sowie unterstützende Gesundheitsprogramme eine wichtige Rolle. Zweitens, sind die Kultur, die Struktur und die Ressourcen der Organisation so zu gestalten, dass sie ein auf Zusammenarbeit ausgerichtetes Fördersystem bilden (z. B. klare Organisationsstruktur mit qualifiziertem ehrenamtlichem Vorstand und bezahltem Personal; breite Basis von Nachwuchsteams mit qualifizierten Trainern; nachhaltige und umfassende Unterstützung für Trainer; gute Zusammenarbeit von Trainerteams; duale Karriereunterstützung durch Bildungseinrichtungen). Auch die Zusammenarbeit des Nachwuchsbereichs mit dem der Erwachsenen sowie ausreichende materielle und finanzielle Ressourcen wurden als förderlich für eine nachhaltige Entwicklung befunden. Schließlich sind drittens die Arbeitsbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten für unterstützendes Personal wichtig, hier vor allem qualifiziertes Personal in den Förderstrukturen (z. B. pädagogische Mitarbeitende, Leitung und Mitarbeitende in Sportschulen bzw. Stützpunkten).
Gesellschaft
Für einen nachhaltigen Nachwuchsleistungssport konnten auch gesellschaftliche Schlüsselindikatoren festgestellt werden. Erstens, die historische, geografische und lokale Einbettung von Organisationen, die die Verfügbarkeit von Fördermitteln oder die medizinische und sportwissenschaftliche Unterstützung für den Spitzensport junger Menschen beeinflussen können. Der zweite Indikator, der die sozioökonomische Situation von und die gesellschaftlichen Erwartungen an Jugendliche umfasst, beschreibt u. a. den Einfluss von widersprüchlichen Idealen zwischen Gesellschaft, Spitzensport und Jugendkultur und somit ein mögliches gesellschaftliches Hindernis für nachhaltigen Spitzensport. Darüber hinaus kann der sozioökonomische Hintergrund der Eltern den Zugang von Jugendlichen zu Sportvereinen erschweren, und auch ein inaktiver Lebensstil im Jugendalter kann zu einer gesellschaftlichen Barriere werden.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Entwicklung eines nachhaltigen Nachwuchsleistungssports einen ganzheitlichen sozioökologischen Ansatz erfordert. Er muss die Vorbereitung von Athleten, die zwischenmenschlichen Beziehungen, Organisationsstrukturen und gesellschaftlichen Bedingungen miteinander verbinden. Zudem sind strategische Fördermaßnahmen (z. B. zur Verletzungsprävention, zur professionellen Trainer-Weiterbildung und zur Etablierung langfristiger Förderstrategien) zu gestalten, und zwar in Zusammenarbeit zwischen Sportorganisationen und Hochschulen. Es gilt sicherzustellen, dass die Strategien forschungsbasiert, kontextbezogen, im Vereinsalltag umsetzbar und in der Praxis nachhaltig sind.
Autor: Stefan Grau
* aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Textverlauf die männliche Version verwendet, gemeint sind immer alle Geschlechter.
Hintergründe
Zum Projekt
Das Projekt STEPS (Advancing Sustainable Youth Performance Sport) verfolgt das Ziel, die Bedingungen der Förderung eines nachhaltigen Nachwuchsleistungssports zu erforschen und in der Zusammenarbeit mit Sportorganisationen dessen Umsetzung zu erproben. Es wurde 2022 bis 2023 von der Universität Göteborg (Schweden) gefördert. Entstanden ist ein transdisziplinäres Netzwerk, bestehend aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen aus mehreren Ländern, Vereinen, Sportverbänden und Organisationen in Schweden sowie Nachhaltigkeitsexperten der Universität Göteborg. Unter der Leitung von Prof. Astrid Schubring (Universität Göteborg & Deutsche Sporthochschule Köln) wurden über zwei Jahre Inhalte und Konzeption zur Erforschung der Thematik entwickelt. Die Umsetzung wird seit 2024 von Prof. Astrid Schubring und Prof. Stefan Grau (Universitätsklinik Tübingen & Universität Göteborg) begleitet.
Zur wissenschaftlichen Vorgehensweise
Neben Dialogtreffen und Symposien zum Wissensaustausch wurde eine systematische weltweite Literaturrecherche in unterschiedlichen Datenbanken durchgeführt. Ziel war Studien aufzuspüren, die wissenschaftliche Erkenntnisse zu Förderfaktoren und Barrieren von (sozial) nachhaltigem Nachwuchsleistungssport lieferten. Insgesamt wurden 118 Artikel in die Analyse eingeschlossen, die Forschungsergebnisse zu Athletinnen und Athleten, dem Athletenumfeld (z.B. Trainer, Eltern, medizinisches Betreuungspersonal), der Organisation des Sports (z. B. Sportverbände, Sportakademien) und der Gesellschaft, in der der Sport angesiedelt ist, beschrieben haben. Für jede dieser vier Ebenen wurden aus den Befunden thematische Nachhaltigkeitsindikatoren entwickelt.

Fotos: privat
Zu den verantwortlichen Forschern
Astrid Schubring ist Professorin für Soziologie des Sports und leitet seit April 2023 die Abteilung Sportsoziologie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Von 2014 bis 2023 war sie an der Universität Göteborg in Schweden tätig.
Stefan Grau ist seit Januar 2024 Professor für Biomechanik und Bewegung am Universitätsklinikum Tübingen, Abteilung Sportmedizin. Seit 2025 bringt er sich zudem als Wissenschaftskoordinator für den LSVBW ein. Zuvor war er von 2013 bis 2023 Professor an der Universität Göteborg in Schweden.









