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SBW-Geschäftsführer Jens Schölch blickt im Interview voraus auf die Olympischen Winterspiele Milano Cortina 2026 und Baden-Württembergs Hoffnungen im Schneesport.

Jens Schölch, die Olympiasaison ist in vollem Gange. Verspüren Sie unter den Sportlerinnen und Sportlern eine außergewöhnliche Stimmung?

Jens Schölch: Eine Olympiasaison ist immer etwas ganz Besonderes. Die Planungen und Zielsetzungen werden auf dieses Großereignis ausgerichtet. Die Qualifikation für eine Teilnahme rückt in den Fokus. In einem Sportlerleben besteht zudem nicht oft die Möglichkeit, ein Teil dieses Großevents zu sein. Natürlich herrscht da eine hohe Motivation und damit auch Anspannung.

Das deutsche Olympia-Team wird Ende Januar finalisiert. Wie läuft die Qualifikation ab?

Jens Schölch: Die Nominierungskriterien werden von den jeweiligen Spitzenverbänden aufgestellt. Vorausgesetzt werden in der Regel Platzierungen im Top-Acht- und Top-15-Bereich bei Weltcup-Veranstaltungen in der Olympiasaison. Darüber hinaus spielen auch Trainerentscheide eine wichtige Rolle.

Die Wettkampfstätten erstrecken sich über mehrere Orte in Norditalien. Welche Vor- und Nachteile bringt das mit sich?

Jens Schölch: Das Konzept der dezentralen Standorte mit oftmals schon bestehenden Sportstätten spricht mich persönlich mehr an. Die Olympische Familie gibt es in der bisherigen Form mit Olympischem Dorf nicht mehr. Das ist ein Nachteil, vielmehr überwiegen aber die Vorteile: Investition und Ertüchtigung in bestehende Infrastruktur, mögliche Mitnahme der dort lebenden Menschen für eine weiterhin gegebene gesellschaftliche Akzeptanz dieser Spiele.

In welchen Sportarten und Disziplinen ist Baden-Württemberg stark vertreten?

Jens Schölch: Im Skisprung halten die Frauen die Fahne des Ländle hoch: Agnes Reisch vom WSV Isny hat mit Platz 5 beim Weltcup in Falun schon früh in der Saison die Quali-Norm abgehakt. Pia Fink (SV Bremelau) gehört zu den besten deutschen Skilangläuferinnen. Auch sie hat die Olympia-Vorgaben schon im Jahr 2025 erfüllt. Die Skilangläufer Friedrich Moch (WSV Isny), Janosch Brugger (SV Schluchsee) und Florian Notz (TSV/SZ Böhringen Römerstein) wollen ebenfalls auf den Zug nach Italien aufspringen. Im Biathlon setzen wir auf Janina Hettich-Walz (SC Schönwald) und Julia Tannheimer vom DAV Ulm.

… und wie sieht es in den Freestyle und Alpin-Wettbewerben aus?

Jens Schölch: Eines unserer Aushängeschilder ist der Snowboard Cross mit Jana Fischer (SC Löffingen) und Leon Ulbricht (SC Rötteln). Im Ski Cross ruhen die Hoffnungen auf Daniela Maier (SC Urach). Emma Weiß (Freestyle Club Zollernalb) ist im Freestyle Aerials aussichtsreich. Im Ski Alpin ist Anton Grammel vom SC Kressbronn mit der halben Olympia-Norm in die Saison gestartet, Emma Aicher (SC Mahlstetten) ist als Podestfahrerin in Levi in Italien mit dabei.

Jens Schölch: Abgesehen von den Schneesportarten kommen in weiteren Wettbewerben Sportlerinnen und Sportler aus baden-württembergischen Vereinen für eine Nominierung infrage, zum Beispiel im Eishockey. Und natürlich freuen wir uns besonders, wenn noch die eine oder andere Überraschung aus Baden-Württemberg den Sprung ins Olympia-Team schafft.

Wir vermissen in der Aufzählung die Nordische Kombination…

Jens Schölch: In der Königsdisziplin wird bei diesen Winterspielen wohl erstmals kein Athlet aus Baden- Württemberg am Start sein. Leider dürfen die Frauen nicht starten. Nathalie Armbruster wäre eine Medaillenkandidatin.

Auf welche Olympia-Entscheidungen freuen Sie sich persönlich ganz besonders?

Jens Schölch: Faszinierend sind für mich Ski Cross und Biathlon. Hier ist die Spannung am höchsten. Und mit Daniela Maier fährt eine Medaillenkandidatin mit, die schon 2022 in einer hochspannenden Entscheidung Olympia-Bronze erringen konnte.

An welchen Projekten und Initiativen arbeiten Sie gerade, um die Wintersport-Talente im Land für kommende Olympische Winterspiele fit zu machen?

Jens Schölch: Besonders die Olympischen Winterspiele 2030 in Frankreich bieten Möglichkeiten. Die Nachwuchsarbeit im Schneesport in Baden-Württemberg ist gut und international wettbewerbsfähig. Diese gilt es unterstützend bis 2030 und 2034 weiter zu sichern. Internationalisierung und Individualisierung sowie Partnerschaften und Kooperationen sind die anzustrebenden Ziele. Mit dem Skiinternat Furtwangen haben wir eine hervorragende Ausbildungsstätte. Mit der Windsimulationsanlage und einem hybriden Schanzenkonzept in Hinterzarten bestehen heute schon Zukunftsstandorte. Es gilt, die Ski-Tradition zu bewahren mit einem selbstkritischen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus.

Das Interview ist zuerst in der Januar-Ausgabe von Sport in BW erschienen.

Hintergrund

Die SBW Leistungssport GmbH ist die Organisation für den Schneesport in Baden-Württemberg und unter anderem verantwortlich für die Talententwicklung in den Nachwuchskadern.