Foto: Bernard Moschkon

Als Einzelkämpferin würde sich Emma Weiß selbst wohl nicht bezeichnen, denn sie hat sich ein beachtliches Netzwerk an Unterstützern aufgebaut. Ohne Förderstrukturen im Rücken muss die Ski-Akrobatin ihren Weg zu den Olympischen Spielen 2026 jedoch komplett eigenständig gestalten. Die Konstante an ihrer Seite: Vater Armin.

„Es war schon sehr lange ein Wunsch von mir, enger mit dem Papa zusammenzuarbeiten“, sagt Emma Weiß. Und aus ihrer Stimme spricht direkt das, was die 25-Jährige auszeichnet: Aus jeder Situation des Beste zu machen, in jeder Herausforderung eine Chance zu sehen.

Mit dem Ukrainer Enver Ablayev als Trainer wollte die Olympia-Teilnehmerin von 2022 nach vielen Jahren im Kreise des Schweizer Teams eigentlich in der Vorbereitung auf Milano Cortina 2026 neue Reize setzen. Doch nach kaum einem Jahr entzog der ukrainische Verband seine Unterstützung für die Zusammenarbeit. Und Emma Weiß musste sich zu Jahresbeginn 2025 neu sortieren. So fand das Training im Sommer unter Anleitung ihres Vaters Armin Weiß statt Ballettlehrer, Träger des Trainerpreises Baden-Württemberg 2016 und Olympia-Teilnehmer 1992 im Ski-Ballett.

„Papa kennt meinen Körper sehr gut, er hat ein krasses Bewegungsverständnis, und wir konnten strukturell sehr gut zusammenarbeiten“, sagt Emma Weiß, wenn sie auf die zurückliegenden Monate Training auf der Wasserschanze blickt. Verwunderlich ist das nicht, hat er doch schon ihre ersten Schritte auf Ski („meine erste Liebe“) begleitet und sie auf ihr Drängeln schon im Alter von dreieinhalb Jahren im Ballett-Unterricht aufgenommen.

Foto: privat

One-Woman-Show

Die Betreuung in der intensiven Reisezeit im Winter kann Armin Weiß jedoch nicht leisten. Auch dafür musste eine neue Lösung her, bei deren Findung Emma Weiß komplett auf sich gestellt war. Denn für das Ski-Kunstspringen fehlt in Deutschland die Förderstruktur ihres Fachverbands, von der in den anderen olympischen Wettbewerben fast alle weiteren Olympia-Hoffnungen profitieren. Die Ski-Akrobatin kann im Deutschen Ski-Verband weder auf Trainer oder Berater noch auf regelmäßige physiotherapeutische Behandlungen oder auf Trainingslager- und Wettkampf-Logistik zurückgreifen.

„Ich muss alles selbst organisieren, das ist enorm zeitintensiv. Und alles kostet Energie, die natürlich woanders fehlt“, stellt Emma Weiß fest. Ganz zu schweigen von den 50.000 bis 70.000 Euro, die sie pro Saison für Fahrten, Flüge, Unterkünfte, Trainer, Training und Anlagennutzung aufbringen muss. Die Akquise und Betreuung von Förderern und Sponsoren liegt ebenfalls bei der 25-Jährigen selbst.

Zurück im Schnee

Es ist jedoch nicht Frust, der in den Worten von Emma Weiß mitschwingt, sondern die Leidenschaft für ihren Sport, für den sie bereit ist so viel zu investieren. Auch für die Betreuung in der Olympiasaison hat sie wieder eine Lösung gefunden: Die im Freestyle Aerials so enorm wichtigen Informationen und Kommandos in der Flugphase wird ihr in den kommenden Wochen der Tscheche Jari Novak zurufen. Er ist im Weltcup-Zirkus mit seinem Sohn Nick unterwegs.

Die erste intensive Zusammenarbeit erfolgte bereits im Rahmen eines dreiwöchigen Trainingslagers in den USA, das auch die finanzielle Unterstützung von OSP Stuttgart und LSVBW ermöglichte. In Finnland absolviert Emma Weiß im November mit Jari und Nick Novak die unmittelbare Saisonvorbereitung. „Ich will möglichst schnell wieder an die großen Schwierigkeiten herankommen. Die größte Frage ist, wie gut sich der Rücken adaptieren kann, wenn es von der kleinen an die große Schanze geht. Da wirken Kräfte, die man vorher nicht 1:1 simulieren kann.“

Foto: privat

Viele kleine und große Puzzleteile

Es ist die Zeit, in der sich die vielen kleinen und großen Puzzleteile zusammenfügen sollen. Denn so rar die Sprünge auf der Schanze sind – maximal zehn pro Trainingstag – und so kurz die spektakuläre Flugshow in der Luft – etwa zweieinhalb Sekunden – , so vielseitig ist die Arbeit für den perfekten Sprung. „Viele andere würden das langweilig finden, aber mich fasziniert zusätzlich zu dem Gefühl vom Fliegen besonders die enorme Detailarbeit“, verrät Emma Weiß.

Neben dem Training auf der Schanze gehören Ballettraining, Krafttraining, Visualisierungen, Faszienübungen, Atemübungen, aktive Regeneration und Vieles mehr zum Alltag der 25-Jährigen. Darüber hinaus setzt sie sich intensiv mit ihrer Ernährung auseinander und schwört seit einigen Jahren auf zyklusbasiertes Training. Neu entdeckt hat sie für sich den christlichen Glauben, aus dem sie Kraft und neue Motivation schöpft: „Früher habe ich Sport aus egoistischen Motiven betrieben. Jetzt will ich damit auch etwas zurückgeben“, sagt sie.

Weihnachtsfeier mit Olympia-Ticket?

Zum Beispiel mit ihrer zweiten Olympia-Teilnahme – im Übrigen auch der zweiten einer deutschen Athletin überhaupt. 2022 hatte Emma Weiß noch den Einzug ins Olympia-Finale verpasst. Jetzt sind die Ziele höher gesteckt: „Ich will bei den Olympischen Spiele in die Top Sechs.“ Um auf den Schanzen von Livigno dabei zu sein, muss sie in den anstehenden Weltcups eine Top-Acht-Platzierung oder zwei Plätze in den Top 15 erringen. „Am schönsten wäre es, wenn ich die Qualifikation bis zum Weihnachtsfest zuhause schon abgehakt hätte!“

Es wäre ganz sicher nicht nur für Emma Weiß ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk, sondern auch für ihre Familie. Gut organisiert, wie sie eben ist, hat Emma Weiß natürlich längst nahe der Olympia-Schanzen von Livigno eine Unterkunft für ihre Familie organisiert: ein Apartment auf dem Campingplatz. Für Schwester Pauline, für Mutter Eva, die im Sommer Ehemann und Tochter kaum zu Gesicht bekam, und natürlich für Vater Armin, der ihren Weg so maßgeblich geprägt hat.

Armin und Emma Weiß. Foto: privat