Es kann als Glücksfall für den deutschen Schwimmsport bezeichnet werden, dass sich der erste Berufswunsch von Dr. Michael Spikermann nicht erfüllte. Lehrer wollte er werden, doch eine Verbeamtung war damals schwer zu ergattern. So führte ihn sein Weg zum Trainerberuf – eine Rolle, die er so erfolgreich ausfüllte wie nur wenige seiner Zunft. Im Januar erhielt er den LSVBW-Ehrenpreis für sein Lebenswerk.
Zwei Trainergrößen des Schwimmsports ebneten gleich zu Beginn seiner Trainerkarriere den Weg von Michael Spikermann: Der langjährige Bundestrainer Manfred Thiesmann holte ihn in den 1980er Jahren als Co-Trainer nach Offenbach. Dort begleitete er an der Seite von Hartmut Oeleker auch das Training von Deutschlands Schwimm-Ikone Michael Groß.
„Ein Vorbild habe ich nicht unbedingt, aber viele Weggefährten, die mich ein Stück weit geprägt haben“, stellt der heute 66-Jährige rückblickend fest. „Es ist eine Erkenntnis im Leistungssport, dass die wirklich guten Sportler schwer zu führen sind. Da fallen schon mal harte Worte, damit muss man als Trainer umgehen. Das ist die wohl schwierigste Lektion, die man lernen muss. Und Hartmut Oeleker hatte eine unheimliche menschliche Größe.“
Olympia-Premiere 1992
Wenige Jahre später sollte Michael Spikermann selbst die Verantwortung für die Entwicklung deutscher Olympia-Hoffnungen übernehmen. Ein Promotionsstudium in Heidelberg eröffnete ihm die Möglichkeit, sich intensiver mit der Trainingswissenschaft zu beschäftigen und am dortigen Bundesstützpunkt auch sein Engagement als Trainer auszubauen. 1991 trat er im Landessportverband Baden-Württemberg (LSVBW) eine Stelle als Leistungssportreferent an. Schon 1992 stand mit Mark Pinger überraschend sein erster Athlet im deutschen Olympia-Aufgebot.
Bei acht Olympischen Spielen war Michael Spikermann seitdem im Einsatz. Die Erinnerungen an die ersten sind ganz besondere: „Barcelona 1992 war atmosphärisch ‚outstanding‘, herausragend. Die Stadt im Zeichen von Olympia, die Sportstätten, das war einfach toll. Beeindruckt hat mich aber auch Sydney 2000. Da hat man das Gefühl gehabt, dass eine ganze Nation der Welt zeigen will, was sie kann.“
Dass Michael Spikermann die Spiele in Sydney mit kahlrasiertem Kopf erlebte, verdankt er einer Bierlaune: „Ich habe damals gesagt: Wenn meine erste Athletin die 100 Meter Brust in unter 1:10 Minuten schwimmt, lasse ich mir eine Glatze rasieren.“ Bei den Deutschen Meisterschaften 2000 in Berlin war es so weit: Nachdem Simone Weiler sich mit neuer Bestzeit das Olympia-Ticket gesichert hatte, stattete ihm das Schwimmteam einen Besuch auf seinem Hotelzimmer ab. „Sie haben mich auf einen Stuhl gesetzt und in Mannschaftsstärke meine Haare abrasiert.“
Investition in den Trainer-Nachwuchs notwendig
Der Fundus an Anekdoten aus der Trainer-Laufbahn von Michael Spikermann, der zwischenzeitlich auch zweimal vier Jahre als Bundesstützpunkttrainer beim Deutschen Schwimmverband angestellt war, ist ebenso umfangreich wie die Medaillensammlung seiner Schützlinge: Mit Mark Pinger, Petra Dallmann und Sarah Wellbrock, geb. Köhler, errang er vier Olympia-Medaillen. Auch Philip Heintz und Clemens Rapp schwammen bei Welt- und Europameisterschaften mehrfach in die Medaillenränge. In Summe konnte Spikermann mit seinen Athletinnen und Athleten rund 80 internationale Podestplätze feiern.
Es sind Erfolge, hinter denen viel Arbeit steckt. „Entweder man macht’s zu 100 Prozent oder gar nicht“, sagt der 66-Jährige. Seine Promotion hatte er einst dem Thema Leistungsdiagnostik im Schwimmen gewidmet, im Laufe seiner Karriere eignete er sich auch im Bereich des Höhentrainings hochgeschätzte Expertise an. „Schwimmen ist eine sehr trainingsintensive Sportart, in der sich die Leistungen in den vergangenen Jahrzehnten extrem weiterentwickelt haben. Man kann sehr viel an Details arbeiten und damit eine unheimliche Dynamik erzeugen. Es ist ein Hochgefühl, wenn ein Plan dann auch wirklich aufgeht.“
Die Gewinnung von qualifiziertem Nachwuchs für diese ebenso anspruchsvolle wie zeitaufwändige Trainerarbeit betrachtet er als eine zentrale Aufgabe im deutschen Sport. „Hier besteht dringender Handlungsbedarf, sowohl im Hauptamt als auch im Ehrenamt, denn Trainer sind die wichtigsten Personen, um Kinder im Verein zu binden“, stellt er fest und wünscht sich mehr Fürsorge, bessere Perspektiven und Anstellungssituationen.
Sonderrolle der Trainer in Baden-Württemberg
Dass er selbst über vier Jahrzehnte so erfolgreich arbeiten konnte, wertet er auch als Ergebnis entsprechender Rahmenbedingungen: „Als Trainerinnen und Trainer in Baden-Württemberg haben wir wirklich Glück. Personalentwicklung, Personalfürsorge, Rückendeckung und Loyalität sind im Sport nicht selbstverständlich, da nimmt Baden-Württemberg eine Sonderrolle ein.“
Daher engagiert sich Michael Spikermann auch im Rentenalter weiter für den Sport im Land, in der Standortleitung am Bundesstützpunkt Heidelberg und darüber hinaus in einer „hochspannenden“ Arbeitsgruppe des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport zur Talenterkennung und Talententwicklung. Der Vater eines 13-jährigen Sohn hat sich aber aus dem Trainingsalltag verabschiedet und sagt: „Jetzt kann endlich die Familie eine größere Rolle spielen.“
Hintergrund zum LSVBW-Trainerpreis
Als der Landessportverband Baden-Württemberg (LSVBW) 1996 zum ersten Mal einen Trainerpreis auslobte, betrat er Neuland. Die 29. Verleihung, die er gemeinsam mit seinen Partnern, dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg und der BARMER sowie mit freundlicher Unterstützung der Porsche AG durchführen konnte, ist der Beleg, dass der LSVBW die engagierte Arbeit der Trainerinnen und Trainer wertschätzt.
Der Trainerpreis Baden-Württemberg wird seit 1996 jährlich vergeben und prämiert Trainerinnen und Trainer aus Baden-Württemberg, die durch herausragende Leistungen, außergewöhnliche sportliche Erfolge ihrer Athleten sowie besondere pädagogische Fähigkeiten auf sich aufmerksam gemacht haben. Vorgeschlagen werden die Trainer von Fachverbänden und Vereinen, aber auch durch Sportschulen, Olympiastützpunkte, Kaderathleten und weitere im Sport angesiedelte Personen. Die Auswahl der Preisträger erfolgt durch eine Jury, bestehend aus hochrangigen Personen aus Sport, Medien und Politik sowie den Partnern des Trainerpreises.














