
Iman Taha forscht an der Hochschule Aalen.
Foto: Julia Rettenmaier
Für Vereine sind Kunststoffrasenplätze oft die naheliegende Wahl. Doch nach 12 bis 15 Jahren Nutzungsdauer landen sie meist in der Müllverbrennungsanlage. Wie das Material stattdessen verwertet werden kann, erforscht Prof. Dr. Iman Taha im Projekt RewitAl. Im Interview erzählt die Projektleiterin, welche überraschende Erkenntnis sie über die alten Kunststoffe gewonnen hat und was sie über die Zukunft von Kunststoffrasenplätzen denkt.
Prof. Dr. Iman Taha, wie sind Sie in Ihre heutige Position als Projektleiterin von RewitAl gekommen?
Ich habe Maschinenbau studiert und nach dem Masterabschluss das Angebot erhalten, als Dozentin an der Uni einzusteigen. Dabei habe ich Spaß an der akademischen Welt gefunden. Ich war schnell in Forschungsthemen eingebunden, hatte eigene Ideen und war in internationalen Projekten tätig.
Von Beginn an war es mir wichtig, dass meine Forschung einen Bezug zur Nachhaltigkeit und der Verwendung regionaler Ressourcen hat. Ich habe daher im Bereich der Naturfaserverbunde promoviert und bin immer mehr in Kontakt mit Kunststoffen gekommen. Seit 2021 habe ich an der Hochschule Aalen eine Professur für nachhaltige Werkstoffe in der Kunststofftechnik. Im Projekt RewitAl verbinden wir nun eine Herausforderung des Sportsektors mit den Forschungsfragen der Kunststoffwelt.
Warum liegt Ihnen die Forschung am Herzen?
Forschen ist für mich das, was Spielzeug für Kinder ist. Es ist extrem spannend und für meine innere wissenschaftliche Neugier sehr befriedigend. Es ist ein intrinsisches Bedürfnis, Dinge besser zu verstehen und Phänomene miteinander zu verknüpfen. Wie ist das? Warum ist das so? Als Forscher sind den Gedanken keine Grenzen gesetzt. Ob im Schlaf oder bei einem Spaziergang, man hinterfragt ständig und entwickelt Ideen, um das Leben besser zu gestalten. Und wenn man es schafft, andere Leute von den innovativen Lösungsansätzen und Forschungsideen zu überzeugen oder ähnlich zu begeistern, bekommt man ab und zu auch die notwendigen Mittel für die Forschung. Dass ich diese Neugier befriedigen kann, ist für mich eine große Freiheit.
Welchen Schwerpunkt haben Sie im Projekt RewitAl?
Als Projektkoordinatorin war ich federführend bei der Antragstellung und in der Gestaltung der Forschungsvorhaben. Jetzt, wo das Projekt läuft, bin ich die Hauptansprechpartnerin für den Verbund, den Fördergeber und die Öffentlichkeit. Auf Forschungsebene leite ich die Gruppe, die sich mit dem mechanischen Recycling der Kunststoffe beschäftigt. Dabei werden die Kunststoffe zerkleinert, gereinigt und zu neuem Granulat aufbereitet, ohne ihre chemische Zusammensetzung oder Struktur zu verändern.
Was haben Sie in dieser Hinsicht bisher erreichen können?
Zu unserer größten Überraschung zeigten die „uralten“ Kunstfasern des Rasens Potenzial für eine Wiederverwendung. Sie waren, was die thermischen und mechanischen Eigenschaften betrifft, mit Neuware vergleichbar. Alten Kunststoffrasen müssen wir also nicht verbrennen, sondern können die Fasern für neue Produkte einsetzen. Ich dachte, wir bekommen da ein schlechteres Ergebnis und arbeiten mehr mit chemischer oder Oberflächenmodifikation – dann landen wir schnell bei der chemischen Verwertung statt dem mechanischen Recycling. Aber der alte Kunststoff hat noch Potenzial. Wir haben da viel Zeit investiert und verschiedene Ideen ausprobiert. In diesem Bereich sind wir daher weiter als geplant.
Was möchten Sie in Zukunft noch angehen?
Da wir viel Energie in die Fasern gesteckt haben, gibt es eine Verzögerung hinsichtlich des Recyclings des Infills und der Tragschicht des Kunststoffrasens. Für sie haben wir noch keine Lösung zur Wiederverwertung, sondern eruieren momentan die Möglichkeiten. Im nächsten halben Jahr werden wir diese gezielt angehen. In unserer jetzigen Vorstellung zerkleinern wir die Tragschicht mechanisch und kleben sie mit einem umweltfreundlichen Binder neu zusammen. Je nach Eigenschaften könnte das Produkt wieder als Tragschicht verwendet werden. Ansonsten sind neue Anwendungsbereiche denkbar, zum Beispiel auf Spielplätzen oder als Dämpfungsunterlagen bei vibrierenden Anlagen.
Inwiefern lassen sich Ihre Ergebnisse auf andere Bereiche übertragen?
Im Titel des Projekts steht nicht Kunststoffrasen, sondern hochwitterungsbeanspruchte Altkunststoffe. Kunststoffrasen ist ein Beispiel für einen Kunststoff, der lange mechanisch beansprucht und extremen Witterungsbedingungen ausgesetzt wurde. Um uns herum gibt es viele Produkte mit ähnlichen Umständen. Parkbänke, Schilder, Pylonen oder Blumenkästen werden heutzutage verbrannt. Wenn wir das Potenzial des Materials nachweisen können – oder eigentlich schon bewiesen haben – können auch sie für das Recycling gesammelt werden. Der Gesetzgeber fordert immer stärker den Einsatz von Rezyklat. Wenn wir aber nur unsere Verpackungen recyceln, ist die Menge zu gering. Setzen wir auch beanspruchte Materialien für Rezyklat ein, steigt dessen Verfügbarkeit und die Preise sinken. Das ist eine Win-Win-Situation für die gesamte Kreislaufwirtschaft.
Ihre Einschätzung: Gibt es in Zukunft noch Kunststoffrasenplätze?
In Anbetracht der Klimabedingungen ist die Frage eher, ob wir uns noch natürlichen Rasen leisten können. Es wird auf jeden Fall noch Kunststoffrasenplätze geben, aber das Material wird sich verändern. Wir sind nicht die Einzigen, die sich damit beschäftigt. Im NaKuRa-Projekt wurde beispielsweise ein neues, biologisch abbaubares Material für Kunststoffrasenplätze entwickelt. Viele Organisationen bemühen sich um nachhaltige Alternativen, sei es mit biobasierten Kunststoffen, biologisch abbaubaren Kunststoffen oder einem Design des Rasens ohne Infill. Hier tut sich etwas und das wird auch so bleiben – erst recht, um Kunststoffrasenplätze zu erhalten.
Zum Projekt
Im Projekt „Reintegration hochwitterungsbeanspruchter Altkunststoffe in die Kreislaufwirtschaft“ (RewitAl) arbeiten die drei Hochschulen Pforzheim, Furtwangen und Aalen sowie Firmen und der LSVBW an einer Lösung, wie Kunststoffrasenplätze umweltfreundlich verwertet werden können. Gefördert wird das Projekt mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung Baden-Württemberg (EFRE). Der Strukturfonds der EU fördert wirtschaftlichen, territorialen und sozialen Zusammenhalt innerhalb der EU.











